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Die Revolte der Jugend
"Es ist nicht leicht, ein Kind zu sein, las ich kürzlich in einer
Zeitung, und ich war perplex, denn es passiert ja nicht jeden Tag, dass
man etwas in der Zeitung liest, das wirklich wahr ist. Da spricht ein
Revolutionär."
Es ist nicht leicht, ein Kind zu sein, nein! Es ist schwer, sehr schwer.
Was bedeutet es eigentlich, Kind sein? Es bedeutet, dass man zu Bett
gehen, aufstehen, sich anziehen, essen, Zähne putzen und die Nase putzen
muss, wann es den Großen passt und nicht einem selbst. Es bedeutet,
dass man Knäckebrot essen muss, wenn man lieber eine Scheibe frisches
Brot hätte, und dass man ohne mit der Wimper zu zucken in den Milchladen
hinunterstürzen muss, um eine Gasmarke zu besorgen, wenn man sich gerade
mit einem Buch von Edgar T. Lawrence hingesetzt hat. Es bedeutet ferner,
dass man ohne zu klagen die persönlichsten Bemerkungen von Seiten eines
jeden Erwachsenen anhören muss, die das eigene Aussehen, den Gesundheitszustand,
die Kleidung, die man trägt, und Zukunftsaussichten betreffen. Ich habe
mich oft gefragt, was passieren würde, wenn man die Großen in derselben
Art behandeln würde.
Erwachsene haben einen unangenehmen Hang zum Vergleicheziehen. Sie sprechen
gern über ihre eigene Kindheit. Soweit ich es beurteilen kann, hat es
in der Geschichte der ganzen Menschheit noch nie eine solche Ansammlung
von begabten, wohlerzogenen Kindern gegeben wie damals, als Mama und
Papa jung waren. Zu jener Zeit waren die Kinder wirklich brav. Sie brachten
nie Verwarnungen nach Hause, sondern hatten in sämtlichen Fächern Spitzenzeugnisse,
sie putzten immer selbst ihre Schuhe und machten jeden Tag ihr Bett,
sie wuschen jeden Morgen Ohren und Hals mit kaltem Wasser und sie liebten
gute, nahrhafte Kost, vorzugsweise gekochten Fisch und Gemüse. Die kleinen
Geschwister zu hüten war ihre höchste Lust, und der bloße Gedanke, als
Entgelt Geld fürs Kino anzunehmen, war ihnen ausgesprochen zuwider.
Kurz gesagt - ihre Kindheit war eine einzige lange Erbauungsgeschichte.
Diese Kinder muss der Dichter im Sinn gehabt haben, als er Folgendes
schrieb: "Wir ahnen Fürsten, wo wir Kinder sehen, aber erwachsene Könige
nirgends stehen." Falls ich je eigene Kinder bekommen sollte, werden
die jedenfalls keine Erbauungsgeschichten zu hören kriegen. Wenn sie
auf zitternden Beinen mit ihrer ersten Verwarnung nach Hause kommen,
werde ich sagen: "Fürchtet euch nicht! Den Rekord in Verwarnungen hält
immer noch euer Vater!"
Lars Lindgren, Dagens Nyheter, 7. Dez. 1939
Aus: "Astrid Lindgren - Ein Lebensbild" von Margareta Strömstedt
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