"Was ist das nur für sonderbarer Nachwuchs?"
“….. Was ist das nur für sonderbarer Nachwuchs… alle haben mit Wörtern zu tun….” soll Samuel August einmal gesagt haben.
Aber vielleicht liegt es auch einfach an dem kleinen roten Haus und an Näs. Denn um 1811 hat hier die Pfarrtochter Constance Wänman ihre Kindheit verbracht und später unter dem Namen Constance Hultin Kinderbücher verfasst. Und auch ihr Sohn, Måns Hultin, wurde Schriftsteller.


Aber, fangen wir an mit Gunnar, dem ältesten der Geschwister auf Näs.
Gunnar Ericsson wurde am 27. Juli 1906 geboren.
Vor langer Zeit erfand er ein Wort, das “Salikon”. Eines Tages saß er am Tisch und malte ein Blatt Papier mit bunten Stiften aus. Als Astrid ihn fragte, was er da male, antwortete Gunnar: “Ein Salikon”. Astrid verstand ihn sofort. Natürlich war es ein Salikon, das konnte doch jeder sehen, und noch heute kann man in dem kleinen Museum in Näs dieses Salikon bewundern.
Nach dem Schulabschluss (Real-Examen) arbeitete Gunnar als Schafhirte. Danach verrichtete er seinen Wehrdienst bei den Husaren von Småland.
1930 wurde Gunnar Vorsitzender des Verbundes Schwedischer Jungbauern. (SLU).
1933 heiratete er Gunhild Norman von Södra Vi. Sie bekamen drei Töchter.
1940 setzte Samuel August sich zur Ruhe, und Gunnar übernahm die Pacht auf Näs.
Von 1936 - 1942 war er Riksombudsmann, und 1948 wurde er als Abgeordneter in den schwedischen Reichstag gewählt. Viele seiner Gesetzesvorschläge sind später angenommen geworden:
- Altersrente für alle
- Umstellung von Links auf Rechtsverkehr
- Brücke nach Öland
- Brücke nach Dänemark
- einfachere Sprache in den Gesetzen
Gunnar liebte Finnland sehr und sprach fließend Finnisch.
Für verschiedene Zeitungen schrieb er politische Artikel, und in der Zeit von 1942 - 1945 organisierte er die schwedische Landwirtschaftshilfe für Finnland. Da so viele der finnischen Männer an der Front waren, halfen tausende von Schweden in der finnischen Landwirtschaft aus. Dafür bekam Gunnar 1941 eine Auszeichnung verliehen, “Die weiße Rose Finnlands”.
Gunnar machte sich auch einen Namen als Maler. Seine Bilder waren in Ausstellungen in Wien und Helsinki zu sehen. Eines seiner Bilder konnte ich im Sommer 2007 in einer Bank in Vimmerby bewundern.
In der Zeit von 1956 -1972 gab Gunnar unter dem Pseudonym “Gunnar på Lid-arrende” alljährlich zusammen mit seinem Freund Ewert Karlsson “Ewert Nidriste” (Illustrator) eine Sammlung politischer Satiren heraus. In diesen Satiren verlegt er die aktuellen Geschehnisse der schwedische Politik in die Wikingerzeit Svitjod. Auch die Politiker wurden dabei mit passenden Namen bedacht. Olof Palme z.B. hieß “Giftigsüß”.
Einige dieser Bücher konnte ich zusammentragen:
Als Gunnar einmal von einem Journalisten gefragt wurde, wie die Bücher bei den Reichstagsabgeordneten ankommen, soll er geantwortet haben: “Manche werden böse, weil sie erwähnt werden, und manche, weil sie es nicht werden”.
Fast alle Svitjod Bücher sind in seinem Sommerhaus in der Nähe von Västervik (Segersgärde) entstanden. Dort fand er Ruhe, um seine über das Jahr gesammelten Notizen und Zeitungsausschnitte zu bearbeiten.
Gunnar betrieb die Landwirtschaft auf Näs bis 1965. Als die Kirche den Grund verkaufte, kauften Gunnar und Astrid Näs und etwas Land, um es wieder so herzurichten, wie es in ihren Kindertagen war.
Gunnar starb am 27. Mai 1974 in Vimmerby. Astrid, die ein sehr enges Verhältnis zu ihrem Bruder hatte, sagte dazu:
“…Mein kleiner Herzensbruder ist tot!….. Ich traure ganz schrecklich um ihn und erinnere mich daran, wie nah wir uns in der Kindheit waren. Lasse aus Bullerbü, der erste Sachensucher, ist tot! Das erste zerbrochene Glied in der Geschwisterkette……”
Quelle: Margareta Strömstedt, Astrid Lindgren. Ein Lebensbild
*
Astrids jüngere Schwester Stina wurde am 1. März 1911 geboren.
Eigentlich war Stina die große Geschichtenerzählerin der Familie. Sie hat schon als Kind Gedichte geschrieben, sodass sie im Zeugnis sogar einmal ein großes A in Schwedisch bekam. Vielleicht war Stina ja auch das Vorbild für die kleine Stina aus “Ferien auf Saltkråkan”, denn auch sie verschenkte zu Weihnachten oder zu Geburtstagen Gutscheine für “10 x eine Geschichte erzählen”.
Als 13jährige schrieb sie einen Aufsatz zum Thema: “Besuch in einer Schule im Jahr 2000”.
“…wir wurden auf gleitenden Treppen und Fahrstühlen zu den Klassenräumen hinaufgeführt…”
“…Plötzlich kam ein kleiner Herr herein, der sehr verschreckt und gepeinigt aussah. Das war der Lehrer…”
“…Der Lehrer drückte auf einen Knopf und bequeme Liegestühle kamen aus dem Fußboden hervor….”
“…Der Unterricht begann, per Film natürlich. Ein Filmbild nach dem anderen wurde aufgerollt….”
“…Gegen Nachmittag erhob sich eine der jungen Damen und sagte: Nun reicht es. Ich muss um halb vier im Club sein und nun ist es fast halb zwei. Die anderen folgten ihrem Beispiel und gingen von dannen, dem Lehrer einen gnädigen Blick schenkend…” Quelle: Was ist das nur für sonderbarer Nachwuchs, Astrid Lindgren Gården
Am liebsten aber erzählte Stina Spukgeschichten.
Nach der Schule (Real - Examen) blieb sie auf Näs und arbeitete auf dem Hof. In ihrer Freizeit las sie gern Bücher, auch in Englisch und Deutsch.
1934 begann sie eine Ausbildung zur Sekretärin am Barlock Institut in Stockholm.
Nach einiger Zeit brach sie ihre Ausbildung ab und bekam eine Anstellung bei Advokat Lewenhaupt, für den auch Astrid schon gearbeitet hatte. Aber es gefiel ihr dort nicht besonders, und so ging sie zurück nach Näs.
Der Journalist und Schriftsteller Hans Hergin ( geborener Håkan Hans Enok Håkansson in Döderhult, den Nachnamen Hergin nahm er erst 1944 an) hatte sich schon lange in Stina verliebte, und viel später gestand er, dass er sich einmal auf die Veranda geschlichen hatte, um Stina in ihrer Mädchenkammer zu beobachten.
Als in Vimmerby die Lederfabrik abbrannte, trafen sie sich wieder. Hans war dort um eine Reportage darüber zu schreiben, er war der Lokalredakteur der Zeitung “Östra Småland”.
1938 heirateten Stina und Hans in Stockholm.
Hier kamen Hans und Stina auch in Kontakt mit anderen Schriftstellern. Im “Gyllene Freden” war der Stammtisch von Ivar Lo - Johansson, und wer es mit seiner “Schreiberei” zu etwas gebracht hatte, durfte an seinem Tisch Platz nehmen.
Einige der, von befreundeten Autoren signierten Bücher aus dem Besitz von Stina und Hans Hergin befinden sich in meiner Sammlung:
Zum Freundeskreis von Stina und Hans gehörte auch Jan Friedegård und seine Familie.
Hans Hergin hatte sich inzwischen mit seinem Roman “Hård Klang” einen Namen gemacht, und bei einem Besuch im Geber Verlag in Stockholm fragte Stina dann einfach: “Kann ich nicht für Sie übersetzen?”
So wurde sie also Übersetzerin.
Außerdem konnte ich zwei alte Zeitungen, Landsbygdens Jul 1944 (hier noch unter dem Namen Stina Håkansson ) und Landsbygdens Jul 1946 ersteigern, in der Stina je eine Geschichte veröffentlichte.
“Es gibt einen Hof, der heißt Näs, und dieser Hof ist ein richtiges Paradies für Kinder…….” heißt es in Landsbygdens Jul 1946.
“Eines Tages gingen Karin und Gunvor nach Hultet, um Beeren zu pflücken, und nachdem sie eine Weile gepflückt hatten, setzten sie sich ins Moos, um sich ein wenig auszuruhen….”

Der Hof Näs…. Die Kinder Karin (Astrids Tochter?) und Gunvor (Gunnars Tochter?)…. In der Geschichte streiten die beiden Mädchen.
Ob es hier wohl einen realen Hintergrund zur Geschichte gibt??
2001 konnte ich in Boa ( Näs) ein weiteres Büchlein von Stina Hergin kaufen. Die Töchter von Gunnar betreiben dort zusammen mit ihren Familien einen kleinen Buchladen. Dort bekommt man natürlich alle Bücher von Astrid, aber auch einige selten Exemplare, die die Familie im Eigenverlag (Boa i Näs) herausgebracht hat.

In dem Büchlein “Det var en gång en gård….” erzählt Stina von den Erlebnissen ihrer Kindheit in Näs.
Auch “Fyra syskon berättar” (Boa i Näs) habe ich hier gefunden.
Hier erzählen alle vier Ericsson Kinder eine kleine Geschichte aus längst vergangenen Tagen. Und Stina gibt hier natürlich eine Spukgeschichte zum Besten.
Bis 1965 hat Stina über 200 Bücher aus dem Englischen, Deutschen, Norwegischen und Dänischen ins Schwedische übersetzt. Dann beendete sie diese Arbeit. Sie konnte nur noch schlecht sehen, und sie fand keine Brille, die beides schaffte - den Abstand zur Schreibmaschine und zum Buch, das vor der Schreibmaschine lag.
1988 starb Hans Hergin, und Stina wohnte bis zu ihrem Tod am 26. Dezember 2002 in ihrem Haus in Täby.
An diesem Tag starb das letzte, noch lebende “Bullerbü - Kind”.
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Ingegerd Britta Salome wurde am 15. März 1916 geboren.
Sie war das jüngste Kind der Familie Ericsson und wäre sie ein Junge geworden, hätte sie Samuel heißen sollen. Die größeren Geschwister nannten sie immer “Mamas kleine Nickon“.
Gunnar war sehr enttäuscht darüber, dass schon wieder ein Mädchen angekommen war. Er hätte seine kleine Schwester gern in Jungenkleider gesteckt und niemandem erzählt, dass sie ein Mädchen war.
Ingegerd machte ihr Real-Examen 1933.
Sie wäre gern Lehrerin geworden und nahm auch an einem Vorbereitungskurs der Lehrerhochschule in Kalmar teil. Doch dann bekam sie eine Gehirnhautblutung und musste den Kurs abbrechen.
Vermutlich war die Erkrankung eine alte Sportverletzung, sie hatte sich in der Schule einmal beim Turnen am Barren den Kopf verletzt. Von dieser Gehirnhautblutung behielt sie ein Leben lang ein nur begrenztes Sehvermögen auf beiden Augen zurück.
Einige Zeit später bekam sie eine Anstellung als Volontärin an der “Blekinge Läns Zeitung” in Karlshamn. Der Redakteur war Stig Lindström, der Bruder ihres späteren Mannes, Ingvar Lindström.
1937 heirateten Ingegerd und Ingvar in Vimmerby.
Bald darauf zogen sie nach Lund und arbeiteten beide beim “Lund Dagblad”, und später zogen sie nach Borlänge, um bei der “Borlänge Tidning” zu arbeiten.
Als 1939 der Krieg ausbrach, wurde Ingvar als Soldat eingezogen und kam nach Värmland, nahe der Grenze zu Norwegen. Ingegerd erwartete ihr erstes Kind. Sie ging in dieser Zeit zurück nach Näs, und Tochter Inger kam am 23. Juli 1940 zur Welt. 1944 kam noch ein Sohn Åke, dazu.
In den 40iger Jahren übersetzte Ingegerd neben ihrer Arbeit als Hausfrau und Mutter immer wieder Bücher.
Eine Übersetzung konnte ich auf einem Flohmarkt in Schweden finden:

“Fem i Tjuvjäkt” von Enid Blyton.
1954 zog Familie Lindström nach Stockholm, und Ingegerd arbeitete als Journalistin bei “Jordbrukarnas Föreningsblad” (später “Land”).
Hier hatte sie eine persönliche Spalte auf der Familien-Seite. Sie führte Gespräche mit Lesern, Zielgruppe waren die Frauen vom Land.
Als sie eines Tages einen Anruf bekam, ob sie nicht ein gutes Rezept für Wacholderbier hätte, antwortete sie: “Nicht direkt jetzt und hier, aber wir können den Leserkreis fragen”. Die Frage nach einem guten Rezept für Wacholderbier wurde beantwortet, aber es kamen auch viele weitere gute Rezepte in der Redaktion an.
So wurde eine neue Leser-Spalte geboren. Aus diese Leser-Kolumne resultieren dann mehrere Kochbücher.
Unter anderem diese zwei, die ich in verschiedenen Antiquariaten fand:
“Fyra årstiders mat” von 1974 und “Receptstafetten” Land-läsarnas bästa recept von 1979.
In ihrer persönlichen Spalte der “Tidningen Land” ging es aber nicht nur um Rezepte. Sie schrieb auch zu aktuellen Ereignissen, so z.B. in den 60igern, als der Pfarrer der Klara Kirche in Stockholm aus Gewissensgründen ein Ehepaar nicht trauen wollte, weil einer der beiden schon einmal verheiratet war.
Von ihrem Zimmer aus konnte Ingegerd auf den Kirchplatz der Klara Kirche sehen, wo Drogen gehandelt und Alkohol und Prostitution angeboten wurden. Sie schrieb in ihrer Kolumne, der Pfarrer solle erst einmal vor seiner eigenen Tür kehren, ehe er ehrbare Leute verurteilte. Das verursachte im Pfarramt großen Wirbel.
Das Jahr 1968 war ein schlimmes Jahr, Sohn Åke verunglückte tödlich mit seinem Motorrad.
Für “Tidningen Land” schrieb Ingegerd eine Reportage über Anna Maria Roos, die Autorin eines schwedischen Schulbuches für die ersten Klassen. Mit “Sörgården” haben die schwedischen Kinder seit den 20iger Jahren lesen gelernt, aber kaum jemand wusste etwas über die Autorin.
Anna Maria Roos hat etwa 50 Bücher geschrieben, unter anderem auch die Geschichte “Der Riese Bam Bam und die Fee Viribunda”, die Edit, das Häuslerkind, den Ericsson-Kindern vorgelesen hatte.
Die Arbeit interessierte Ingegerd so sehr, dass sie als Rentnerin begann, über Anna Maria Roos zu forschen. Zusammen mit Ingvar unternahm sie viele Reisen, u. a. nach Teneriffa, wo Anna Maria eine Zeit gewohnt hatte.
Aus diesen Forschungsergebnissen entstand ein Buch, das 1989 herauskam und ein großer Erfolg wurde.
Ein Exemplar davon fand ich in einem schwedischen Antiquariat:

“Anna Maria Roos - Inte bara Sörgården” von Ingegerd Lindström.
Ingegerd starb 1997.
“….Jetzt sind die Tiere fort, die Felder sollen Grundstücke werden und da, wo Großvaters Schmiede stand, liegt jetzt eine einstöckige Villa. Aber noch lebt Bullerbü. Das alte Haus ist noch da und sieht aus wie früher. Mindestens einmal pro Jahr versammeln wir Geschwister uns, singen zusammen und erinnern uns, wie es in alten Zeiten war. Wir finden es wunderbar, dass wir auf einem Bauernhof aufwachsen konnten. Das wir Kinder in Bullerbü sein durften…” (Gunnar)
Quelle: Was ist das nur für sonderbarer Nachwuchs, Ausstellungsheftchen Dachbodenausstellung Näs
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